AUSZUG
Zwei Hüte

Mit den anderen Kolleginnen und Kollegen im Regionalteam entwickelte ich gute professionelle Beziehungen, aber die Atmosphäre war eine ganz andere als im russischen Büro. Dort gab es mehr Herzlichkeit, mehr Freundschaft, gemeinsame Feiern und spontane Runden, was ein echtes Teamgefühl entstehen ließ.
In der deutschen Zentrale war alles deutlich zurückhaltender. Zum Beispiel brachte man zum Geburtstag einfach einen Kuchen mit und schickte eine kurze Mail, dass das Stückchen in der Küche wartet. Die Glückwünsche beschränkten sich auf ein paar höfliche Standardsätze und Lächeln, die kaum mehr als Pflichtprogramm wirkten. Das „Fest“ löste sich im Bürolicht so leise und unauffällig auf, wie es entstanden war.
In meinem Kopf tauchte eine Analogie auf, die gleiche, die mir einmal der norwegische Referent eröffnet hatte: die Welt des formellen „Sie“ und des informellen „Du“. Nur schien es hier so, als lebten alle in zwei Rollen und trügen zwei unterschiedliche Hüte, einen beruflichen und einen privaten. Die Hüte hingen zwar nebeneinander, berührten sich jedoch nie. Meine scherzhafte „Inventur-Safari“-Mail wäre hier vermutlich weder verstanden noch gut aufgenommen worden, denn sie hätte diese beiden Welten zu sehr miteinander vermischt.
Doch so sehr dieser Ansatz der Arbeitswelt Wärme und Herzlichkeit nahm, hatte er auch seine Vorteile. In Meetings saßen Menschen, die sich auf dem Flur kaum zunickten, am selben Tisch und lösten gemeinsam komplexe Aufgaben. Persönliche Sympathien störten hier nicht. Sie spielten einfach keine Rolle.
Wenn man diese Spielregeln akzeptiert, fällt die Anpassung deutlich leichter.