AUSZUG
Die Partie, die nie stattfand

Unerwartet fanden Kurt und ich noch eine weitere gemeinsame Leidenschaft: Schach. Irgendwann erwähnte er im Gespräch ganz nebenbei, dass er in seiner Jugend deutscher Schulmeister gewesen war. In seiner Stimme lag ein Hauch früheren Stolzes, zurückhaltend wie alles an ihm. Kein Prahlen, keine Übertreibung, einfach eine Tatsache.
Ich schlug sofort eine Partie vor. Er lächelte und schüttelte den Kopf: „Ich habe ewig nicht gespielt. Ich muss erst wieder üben. Ich verliere nicht gern.“
Ich konnte kaum abwarten, bis wir endlich am Schachbrett sitzen würden. Nicht nur wegen des möglichen Sieges, obwohl der Wunsch, ihn zu schlagen, natürlich da war, sondern wegen der Konfrontation selbst. Im Schach werden Worte überflüssig. Stattdessen sprechen die Züge, mehrere Schritte im Voraus durchdacht. Am Brett zeigen sich nicht nur Logik und Strategie, sondern auch Charakter und die Fähigkeit, Druck auszuhalten. Ich wollte sehen, wie er denkt und wie er sich unter Belastung verhält. Und da ich gern riskant spiele, hatte ich fest vor, genau diesen Druck aufzubauen. Ich wollte sehen, wie er auf diese Herausforderung reagieren würde.
Aber unsere Partie kam nie zustande.
Stattdessen versammelte er eines Tages das gesamte Regionalteam und erklärte ruhig, dass er zum CEO von Sanvera in den USA ernannt worden sei und das Land schon in einem Monat verlassen würde. Alles war klar und sachlich formuliert, kein Pathos, keine Emotionen. Und doch spürte ich sofort, dass sich etwas verändert hatte, als wäre eine Schlüsselfigur vom Brett verschwunden.
Für mich war das ein harter Schlag. Seit meinem Umzug nach Deutschland waren gerade einmal acht Monate vergangen. Es war mir gelungen, mich nicht nur einzuleben, sondern meine Rolle zu finden, meinen Platz. Die Arbeit inspirierte mich und schien dem Unternehmen wirklich etwas zu bringen.
Und nun brach ein zentrales Element dieses Systems weg: der Mensch, der das Risiko eingegangen war, mich in sein Team zu holen, und mit dem sich echtes Vertrauen entwickelt hatte. Plötzlich wirkte alles sinnlos, wie eine Partie, die vielversprechend begonnen hatte, aber abrupt abgebrochen wurde, ohne letzten Zug, ohne Endspiel.