AUSZUG
Das Lied des Lebens und seine Refrains

Die Frage nach dem Sinn des Lebens meldet sich selten zu Wort, wenn wir beschäftigt und zufrieden sind, kehrt jedoch in schwierigen Zeiten umso häufiger zurück. Auf dem Höhepunkt dieser Krise ließ sie mich nicht los. Sie kreiste in meinem Kopf, raubte mir den Schlaf und drängte mich immer wieder, nach einer Antwort zu suchen. Ich spielte verschiedene Möglichkeiten durch, doch keine brachte Erleichterung.
Eines Tages blieb ich während eines Spaziergangs stehen und schrieb Freunden in einem Gruppenchat: „Worin seht ihr eigentlich den Sinn des Lebens?“
Die Antworten waren, wie erwartet, bunt gemischt, von scherzhaft bis fast philosophisch.
Einer brachte seine Sicht so auf den Punkt: „Sich fortpflanzen und dabei reisen.“ In unserem Chat tauften wir das sofort die Strategie „Liebe und Koffer“.
Ein anderer meinte: „Wenn man etwas zu tun hat, verschwindet diese Frage von selbst.“ Oder, wie es die Römer formuliert hätten, carpe diem (nutze den Tag).
Jemand erinnerte an die Klassiker der Evolutionsbiologie: die vier „F“, auch bekannt als Überlebensinstinkte, Fight, Flight, Feed und Fornicate (Kampf, Flucht, Nahrung, Fortpflanzung). Alles andere sei, so die These, nur ein feines Spiel des präfrontalen Kortex.
Und schließlich kam ein fast balzacscher Gedanke: „Geld soll uns vom Denken über Geld befreien. Und sobald genug davon da ist, packt der Sinn leise seine Koffer.“
Amüsant. Stellenweise treffend. Aber mir reichte das nicht. Mir ging es um mehr als nur pointierte Einfälle, um eine Art Koordinatensystem, um eine eigene Antwort, auf die man sich stützen kann.
Ich begann zu suchen. Ich googelte, las und dachte nach. So stieß ich auf ein interessantes japanisches Konzept namens Ikigai. Das Wort lässt sich etwa als „das, wofür es sich zu leben lohnt“ oder als „der Grund, morgens aufzustehen“ übersetzen.
Ikigai ist nichts, was von außen auferlegt wird, und nichts, was die Gesellschaft vorgibt. Es kommt von innen. Es entsteht spontan und schenkt innere Zufriedenheit. Jeder Mensch hat sein eigenes Ikigai, zutiefst persönlich, ein Spiegel der inneren Natur und der eigenen Werte.
Doch Ikigai hat auch eine zweite, äußere Seite. Wahrer Sinn entsteht dann, wenn das, was man tut, länger lebt als man selbst, anderen nützt und ihnen hilft. Erst dann wird das Leben ganz.
Eine andere Idee, die mich angesprochen hat, stammt von Alan Watts, der das Leben mit einem Lied oder einem Tanz vergleicht. Es geht nicht darum, möglichst schnell zum Ende zu kommen, sondern den Tanz selbst zu tanzen und jeden Takt bewusst zu erleben. Dieser Gedanke fühlte sich mir besonders nah an, und mit der Zeit begann ich, ihn weiterzuentwickeln.
Heute erscheint mir der Sinn des Lebens als ein Zusammenspiel von drei Ideen, gefasst in einer erweiterten Metapher des Liedes.
Wie eine Melodie hat auch das Leben kein endgültiges Ziel. Der Sinn liegt nicht im letzten Ton, sondern im Erklingen selbst. Die Strophen werden zu Etappen des Weges, die Refrains zu Momenten der Pause und des Innehaltens. Meist fallen sie mit inneren Krisen zusammen, in denen man zurückblickt, sich auf das besinnt, was einem wirklich wichtig ist, und neu entscheidet, wohin der Weg weiterführen soll.
Dennoch gibt es auf jeder Etappe ein eigenes, lokales Ziel. Dadurch ähnelt das Leben einer Reise. Man bewegt sich auf etwas Konkretes zu, und der Weg gewinnt nach und nach an Richtung und Bedeutung.
Wichtig ist, dass dieser Weg Freude bereitet, Lernen und Wachstum ermöglicht und zugleich erlaubt, etwas zu hinterlassen. Man möchte spüren, dass das eigene Handeln etwas verändert, dass man etwas Sinnvolles tut, das für andere von Bedeutung ist und einen selbst überdauern kann.
Wenn man von einer Etappe zur nächsten geht, Ziele erreicht, Freude an dem findet, was man tut, und Ergebnisse sieht, die einen selbst überdauern, entfaltet das Leben seinen Sinn.